Brüssel sehen und nicht sterben

Die Europwahl steht an und von hier aus, vom Buchladen, sind es wahlweise 564 km (Brüssel) oder 204 km (Straßburg) nach Europa. Da sitzen rund 6500 Leute im Parlament und kosten knapp 2 Milliarden Euro im Jahr und regieren - irgendwas. 
Was man einerseits eine europäische Idee nennen kann, oder als befremdlichen Apparat der über uns schwebt wahrnehmen, wird in "Brüssel sehen und sterben" tatsächlich ordentlich zerlegt. Nico Semsrott ist eigentlich Satiriker und für DIE PARTEI mit etwa 900.000 Stimmen 2019 ins Parlament gewählt worden. Man kann sich natürlich direkt distanzieren und sagen: was soll DA schon bei rauskommen? Satiriker? Hat schon mal jemand diesen Kerl im Hoodie gesehen? Was für Anträge hat der denn gestellt und KEIN WUNDER zerschellt der an den richtigen Erwachsenen. 
Aber so ist es nur auf den ersten Blick. 
Wo er mich abholt ist seine Naivität, die er unumwunden zugibt. Dass er davon ausgeht, dass ein demokratisches Parlament von Menschen betrieben wird, die demokratisch gewählt wurden, also den Wählerauftrag umsetzen möchten. Und das mit den Mitteln, die ihnen als Teil einer Demokratie zur Verfügung stehen, also nach den Regeln, die sie aufgestellt haben und denen zu folgen sie sich verpflichtet haben. Aber weit gefehlt. Das ist der Punkt an dem es mich körperlich schmerzt, das Buch zu lesen, ich WILL nicht glauben müssen, dass  das so ist - oder beispielsweise Abstimmungen im Parlament nach fertigen Listen für jeden Abgeordneten erfolgen, die im Minutentakt aufgerufen werden. Abstimmung, ja / nein / Enthaltung - Klick, die nächste. Und dass man ja nur allzu leicht in der Zeile verrutscht oder kurz nicht aufpasst und das falsche Knöpfchen drückt. Man kann danach zwar zu Protokoll geben, dass man sich vertan hat, aber geändert wird das Ergebnis nicht mehr. 

Das Buch ist eine Tortur für mich, weil ich genauso naiv bin und vor allem: bleiben wollte....


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